Vibe Coding: Wenn plötzlich alle digitale Lösungen bauen können

Von Code zum Chat

Am 6. Februar 2025 veröffentlichte Andrej Karpathy, Mitgründer von OpenAI und ehemaliger KI-Chef bei Tesla, einen Tweet, der sich schnell in der Tech-Welt verbreitete.

In seinem Beitrag beschreibt Karpathy, wie er den gesamten Code inzwischen von der KI schreiben lässt, ohne ihn auch nur zu lesen. Fehlermeldungen kopiert er ohne weitere Erklärung in den Chat. Und in der Regel funktioniert das.

Mit diesem Vorgehen ist der Kern von Vibe Coding gut umrissen: Der Nutzer beschreibt im Chat mit der KI, was gebaut werden soll, und die KI schreibt den Code. Syntax, Programmierlogik, technisches Vorwissen – nichts davon ist mehr notwendig. Der Mensch gibt den Rahmen vor, den Rest erledigt die Maschine.

Karpathy hat diese Entwicklung bereits 2023 vorweggenommen, als er meinte, die wichtigste neue Programmiersprache sei Englisch. Damals klang das fast wie ein Witz. Heute ist es ein Geschäftsmodell.

Warum geht Vibe Coding gerade durch die Decke?

Einer der wichtigsten Gründe ist Geschwindigkeit. Von der Idee bis zum funktionierenden Prototyp vergehen mit Vibe Coding Minuten statt Wochen. Ein internes Auswertungstool, eine Analyseübersicht oder eine Kampagnenseite lässt sich noch am selben Tag umsetzen, an dem man die Idee hatte.

Ein anderer Grund: die Zugänglichkeit. Ob Marketer, Projektmanager oder Unternehmer – mit Vibe Coding kann jeder die Lösungen bauen, die er braucht. Auf freie Kapazitäten in der IT-Abteilung – und den Kampf darum! – ist niemand mehr angewiesen. Der Geschäftsführer hinter Lovable bringt es auf den Punkt: „Nur ein Prozent der Weltbevölkerung kann programmieren. Die anderen 99 Prozent sind meine Zielgruppe.”

Der dritte Grund? Schnelles und günstiges Prototyping ermöglicht eine ganz neue Spielart des Ausprobierens. Ideen, die früher im Backlog verstaubt wären, lassen sich plötzlich ohne großen Aufwand in die Tat umsetzen. Und dann kann man auch noch, bevor man ernsthaft in die Entwicklung einsteigt, dem Kunden oder der Geschäftsleitung einen Machbarkeitsnachweis vorlegen!

Es ist nicht alles Gold, was glänzt …

Der Boom von Vibe Coding hat aber auch Schattenseiten. Besonders schwer wiegen Sicherheitsaspekte. Eine Studie aus dem Mai 2025 untersuchte 1.645 mit Lovable entwickelte Anwendungen und stellte fest, dass 170 Applikationen Sicherheitslücken aufwiesen, durch die persönliche Daten für jedermann zugänglich waren. Der Grund? KI schreibt Code, ohne ihn zwingend auf seine Sicherheit hin zu durchdenken. Wer diesen Code ungeprüft in den Betrieb übernimmt, riskiert eine Lösung, die selbst einfachen Angriffen nicht standhält.

Auch die Codequalität selbst ist ein Problem. Eine Auswertung von fast 500 frei zugänglichen Projekten aus dem Dezember 2025 ergab, dass KI-erzeugter Code doppelt so viele schwerwiegende Fehler enthielt wie von Menschen geschriebener Code. Sicherheitslücken traten sogar dreimal häufiger auf. Hinzu kommen langfristige Folgekosten: Schnell geschriebener Code wird mit der Zeit immer aufwendiger in der Pflege, denn je größer ein Vorhaben wird, desto schwieriger lässt es sich allein über sprachliche Anweisungen steuern. Die Folge? Der Umfang wächst, Strukturen werden uneinheitlich, und am Ende hat man einen Codebestand, den niemand mehr wirklich überblickt.

Das Fazit ist eindeutig: Vibe Coding eignet sich hervorragend für erste Entwürfe und Versuche, sollte aber niemals ohne Prüfung durch einen erfahrenen Entwickler in den laufenden Betrieb überführt werden. Erst recht nicht, wenn dabei personenbezogene Daten verarbeitet werden!

Wer keinen technischen Hintergrund mitbringt, findet bei Lovable und Bolt.new die naheliegendsten Einstiegspunkte.

Lovable hat eine der bemerkenswertesten Wachstumsgeschichten der europäischen Technologiebranche vorzuweisen. In nur acht Monaten stieg der Umsatz des Unternehmens von einer Million auf hundert Millionen Dollar. Ende 2025 wurde das Unternehmen nach einer Finanzierungsrunde mit 6,6 Milliarden Dollar bewertet.

Die Nutzung von Lovable ist sehr einfach: Du beschreibst, was du bauen möchtest, und Lovable liefert Benutzeroberfläche, Hintergrundlogik und Datenbankanbindung. Bolt.new läuft direkt im Browser. Mit dieser Anwendung kommt man schnell von einer Idee zu etwas Vorzeigbarem. Wer im Google-Universum zuhause ist, kann Google AI Studio kostenlos nutzen und seine Anwendung mit einem einzigen Klick in der Google-Infrastruktur veröffentlichen.

Ist Vibe Coding schon wieder News von gestern?

Bemerkenswert ist, dass die Person, die den Begriff „Vibe Coding“ geprägt hat, bereits einen Schritt weiter ist. Im Februar 2026 stellte Karpathy das Konzept des „Agentic Engineering” vor. Seiner Meinung nach werden Entwickler zukünftig kaum noch selbst Code schreiben. Stattdessen werden sie KI-Werkzeuge steuern und als Ingenieure die Qualität des erzeugten Codes überwachen.

Es geht also bei der aktuellen Entwicklung nicht darum, der KI blind zu folgen und jede Ausgabe ungeprüft zu übernehmen, sondern die KI mit fachlichem Urteilsvermögen zu führen und sicherzustellen, dass das Ergebnis den eigenen Ansprüchen genügt.

Das Fazit? Die Hürde, Software zu bauen, sinkt . Damit gehen neue Arbeitsweisen und neue Wege, alltägliche Aufgaben zu lösen, einher. Auch im Marketing. Der Begriff “Vibe Coding” ist gerade einmal ein Jahr alt. Was in dieser kurzen Zeit bereits passiert ist, lässt erahnen, was noch alles möglich sein wird.